Deutschland gehört zu den Ländern, die ihren Übergang früh abgeschlossen haben. Die Deutsche Telekom hatte die Umstellung auf All-IP zunächst für Ende 2018 angekündigt, den Termin dann verschoben und bis Ende 2020 die letzten ISDN- und Analoganschlüsse abgeschaltet. Auf dem Papier ist das Thema erledigt.
In der Praxis ist es das nicht, aus einem einfachen Grund: Die Abschaltung des Netzes erzwingt nicht, dass die Technik in den Gebäuden angepasst wurde. Viele Unternehmen haben ihren Hauptanschluss rechtzeitig migriert und den Rest improvisierten Adaptern überlassen: die Aufzugsleitung, die Alarmanlage, das Fax, das Kartenterminal als Rückfallebene. Solche Konstruktionen funktionieren, bis sie es nicht mehr tun, und niemand überwacht sie.
Dieser Leitfaden zeigt, was tatsächlich offen ist, Gerät für Gerät, und in welcher Reihenfolge es abzuarbeiten ist.
ISDN, Analog, Kupfer: die Begriffe an ihren Platz
Drei Begriffe kursieren und werden verwechselt. Die Verwirrung hat praktische Folgen, also klären wir sie.
- Der Analoganschluss ist der historische Telefondienst: eine Leitung, bei der jedes Gespräch einen eigenen Kanal öffnet und die Leitung ihre Stromversorgung mitbringt.
- ISDN ist die digitale Fassung desselben Netzes, von Unternehmen breit genutzt, um die TK-Anlage anzubinden. Es hat dasselbe Schicksal ereilt.
- Das Kupfernetz ist die physische Infrastruktur: die Doppeladern von der Vermittlungsstelle bis zu Ihrem Gebäude. Der Rückbau zugunsten von Glasfaser läuft weiter, mit dem Ziel eines vollständigen Übergangs zur Glasfaser.
Anders gesagt: ISDN-Abschaltung und Kupferrückbau sind zwei Etappen derselben Bewegung. Die erste ist abgeschlossen, die zweite läuft.
Was tatsächlich noch offen ist
Wenn Ihr Betrieb läuft, ist Ihr Hauptanschluss längst IP-basiert. Die offene Arbeit liegt in drei Graubereichen.
1. Die während der Migration improvisierten Adapter
Der häufigste Fall. Um den Betrieb nicht anzuhalten, wurde ein Analog-Adapter (ATA) hinter den Router gesetzt und daran Fax, Türsprechanlage oder Kartenterminal gehängt. Es funktioniert, führt aber drei nirgends dokumentierte Schwachstellen ein: Es hängt an der Stromversorgung des Routers, es hängt am Internetanschluss des Standorts, und niemand weiß, was beim Routertausch passiert.
Erfassen Sie diese Konstruktionen und entscheiden Sie für jede, ob sie eine endgültige Lösung oder ein Pflaster ist.
2. Die sicherheitsrelevanten Geräte
Aufzüge, Brandmeldeanlagen, Hausnotruf, Aufschaltungen. Hier gilt eine andere Regel: Bevorzugen Sie eine Lösung, die nicht vom Internetanschluss des Standorts abhängt. Ein Aufzug, dessen Notruf über dieselbe Glasfaser läuft wie die Bürotechnik, hört genau dann auf zu alarmieren, wenn der Standort ein allgemeines Problem hat.
Hinzu kommt: Ein Aufzugsnotruf muss eine dauerhafte Zweiwege-Sprachverbindung zu einer Notrufzentrale gewährleisten. Eine Konstruktion am Consumer-Router erfüllt diese Anforderung kaum.
3. Die Nebenstandorte
Lager, Niederlassungen, Werkstätten. Dort stehen die kritischen Geräte, und dorthin kommt keine IT-Abteilung. Bei einer unter Zeitdruck durchgeführten Migration wurde üblicherweise die Zentrale gelöst und der Rest auf später verschoben. „Später“ steht noch aus.
Die betroffenen Geräte im Einzelnen
| Gerät | Was ohne Analogleitung passiert | Übliche Lösung |
|---|---|---|
| Aufzugsnotruf | Kein Notruf möglich — unmittelbarer Regelverstoß | Autarkes GSM-Modul, vom Wartungsunternehmen bestätigt |
| Alarmanlage und Aufschaltung | Keine Übertragung zur Leitstelle | GSM oder IP je nach Aufschaltvertrag |
| Kartenterminal mit Wählverbindung | Keine Zahlungsautorisierung | Austausch gegen IP- oder 4G-Terminal |
| Fax | Kein Senden und Empfangen | Fax over IP oder digitales Fax |
| Hausnotruf | Kein Alarm wird übertragen | GSM-Gerät, vom Dienstleister bestätigt |
| Frankiermaschine | Kein Fernaufladen | IP-Netzanbindung |
| Zutritt, Zeiterfassung, Steuerung | Keine Fernauslesung und Fernwartung | IP-Aktualisierung oder Gateway |
| Türsprechanlage, Tor | Kein eingehender Ruf auf die Nebenstelle | ATA-Adapter oder GSM-Modul |
Eine ISDN-Nachmigration wird nicht im Technikraum vorbereitet. Sie wird vorbereitet, indem man das Gebäude abgeht, Dose für Dose.
Der Plan zum Nachziehen in 6 Schritten
Alle Standorte auflisten
Auch die, zu denen niemand fährt: Lager, Niederlassungen, Werkstätten, Technikräume. In einem Mehrstandortunternehmen ist die Prioritätenreihenfolge selten die vermutete.
Dosen physisch erfassen
Gehen Sie die Gebäude ab und notieren Sie alles, was an einer Telefondose oder einem Analog-Adapter hängt, einschließlich Technikräume und Aufzugsschächte. Je Gerät: Wozu es dient, wer es wartet, und ob sein Ausfall ein Komfort- oder ein Sicherheitsproblem ist.
Anbindung je Standort prüfen
Sprache über IP braucht wenig Bandbreite, aber viel Gleichmäßigkeit. Prüfen Sie den Upload zu Spitzenzeiten und die Möglichkeit, Sprachdaten zu priorisieren.
Telefonie konsolidieren
Cloud-Telefonanlage in der großen Mehrheit der Fälle, IP-Anlage mit SIP-Trunk bei Souveränitäts- oder Anbindungszwängen. Der Vergleich steht in unserem Leitfaden zur Telefonanlage für Unternehmen.
Nebengeräte abarbeiten
Ein Ansprechpartner je Gerät: das Aufzugsunternehmen, der Sicherheitsdienstleister, die Bank für das Kartenterminal. Diese Abstimmungen sind langsam und müssen früh und parallel beginnen.
Portieren, testen, umstellen
Portierungsauftrag, parallele Konfiguration, Test jedes Weges, dann Umstellung. Kündigen Sie den alten Vertrag niemals vor wirksamer Portierung.
Was es kostet, und warum es meist spart
Der laufende Posten sinkt fast immer. Eine gewachsene Installation summiert Leitungsgebühren, einen Wartungsvertrag für die TK-Anlage und minutenweise abgerechnete Gespräche. Eine Cloud-Telefonanlage ersetzt das durch ein Abonnement je Nutzer, 12 bis 35 € pro Monat je nach Funktionsumfang, Gespräche ins deutsche Fest- und Mobilfunknetz meist inklusive.
Die echten Kosten sind einmalig:
- Adapter und GSM-Module für erhaltene Analoggeräte: von einigen zehn bis mehreren hundert Euro je Gerät.
- Bessere Anbindung an Standorten mit veralteten Anschlüssen.
- Interne Zeit: Bestandsaufnahme und Tests, einige Personentage je nach Standortzahl.
- IP-Telefone, nur wenn gewünscht: Das Softphone reicht für die meisten.
Die 5 Fehler, die daraus einen Vorfall machen
- Das Thema für erledigt halten, weil der Hauptanschluss läuft. Das Telefon ist nicht das Risiko. Die stillen Geräte sind es.
- Nur die Zentrale bearbeiten. In den Nebenstandorten stehen die kritischen Geräte.
- Vor der Portierung kündigen. Die Nummer geht zurück in den Pool und ist unwiederbringlich.
- Den Aufzug zuletzt anfassen. Vorlaufzeiten für zertifizierte Notrufsysteme liegen bei Wochen, teils Monaten. Das ist der kritische Pfad, keine Feinarbeit.
- Telefonie migrieren, ohne das Netz zu prüfen. Eine ausgelastete Leitung oder ein Router ohne Sprachpriorisierung erzeugt Aussetzer, die alle zu Unrecht der VoIP zuschreiben.
Was bleibt
In Deutschland ist die ISDN-Abschaltung keine bevorstehende Frist, sondern seit 2020 vollzogene Tatsache. Offen ist die technische Schuld, die die Migration hinterlassen hat — und die liegt nicht im Netz des Anbieters, sondern in Ihren Gebäuden.
Die Reihenfolge ist immer dieselbe: Standorte auflisten, Dosen abgehen, Netz prüfen und erst dann die Lösung konsolidieren. Unternehmen, die hier Störungen mitschleppen, haben mit dem letzten Schritt begonnen.
Wenn Sie das Thema zu einer gründlichen Überprüfung Ihrer Telefonie führt, fasst der Leitfaden zur VoIP-Telefonie für Unternehmen die Netzanforderungen, die realen Kosten und die vollständige Einführungscheckliste zusammen.